Ein Berliner schreibt spannende Allgäuer Wirtschaftsgeschichte
HERGENSWEILER – Ein typischer Allgäuer ist er nicht. Obwohl schon seit Jahrzehnten im Kreis Lindau ansässig, kann Peter Rösler seine Berliner Herkunft nicht verleugnen. Mit seinem Unternehmen, der rose plastic GmbH, hat er aber ein spannendes Kapitel Allgäuer Wirtschaftsgeschichte geschrieben.
Von unserem Redakteur Rolf Dieterich (Schwäbische Zeitung)
Peter Rösler verkörpert die zweite Generation des Unternehmens in Hergensweiler. Oft ist das bereits eine kritische Phase in der Entwicklung von Familienbetrieben, weil der Schatten des Gründers schwer auf den Nachfolgern liegt. Auch Peter Röslers Vater Ernst, der 1953 in Berlin ein Geschäft zunächst mit Haushaltswaren eröffnet hatte, war eine bedeutende Unternehmer- und starke Führungspersönlichkeit. Aber er ließ dem Junior, einem gelernten Werkzeugmacher und studierten Maschinenbauer, den nötigen Spielraum zur Entfaltung, als dieser Mitte der sechziger Jahre in den Betrieb kam und dort mehr und mehr Verantwortung und schließlich die Geschäftsführung übernahm.
Ins erste Jahrzehnt der Mitarbeit von Peter Rösler in der väterlichen Firma fielen zwei grundlegende unternehmerische Entscheidungen, nämlich die Produktion geblasener Hülsen zu Verpackungszwecken und die Verlagerung des kompletten Unternehmens von Berlin nach Hergensweiler im Kreis Lindau.
Beides hat sich gelohnt. Heute ist die rose plastic GmbH mit ihren rund 290 Mitarbeitern in Hergensweiler ein Allgäuer Vorzeigebetrieb. Dessen Chef, der auch Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Schwaben (Augsburg) ist, wird bei vielen Gelegenheiten gebeten, die Gründe seines Erfolgs zu erläutern.
Bei den im Hohlkörperblasverfahren hergestellten Hartverpackungssystemen für die Werkzeugindustrie (zum Beispiel Bohrer) ist rose plastic die Nummer eins auf der Welt mit einem Marktanteil in der Größenordnung von 80 Prozent. Der Umsatz lag zuletzt bei mehr als 38 Mio. Euro. Schon in den achtziger Jahren wurde mit einer Lizenzfertigung in den USA der Globalisierungsprozess eingeleitet. Mittlerweile gibt es dort einen veritablen eigenen Betrieb.
Rechtzeitig am Markt China
Auch die Chancen des Marktes China und des dortigen Produktionsstandortes wurden rechtzeitig erkannt. Vertriebsgesellschaften unterhält rose plastic in England und Frankreich.
Die Grundlagen des Erfolgs auf den Märkten der Welt wurden und werden freilich im rose plastic-Stammhaus in Hergensweiler im Allgäu gelegt – zu einem wesentlichen Teil vom Chef höchst persönlich, massiv unterstützt freilich von seinen leitenden Mitarbeitern und der gesamten Belegschaft.
Bereits 1987 wurde bei rose plastic mit der Bildung von Qualitätszirkeln begonnen. Sie waren zugleich erste Ansätze von Gruppenarbeit. Diese wurde konsequent bis zu ihrem heutigen hohen Standard weiterentwickelt. Sie ist zudem die Grundlage der „lernenden Fabrik“, als die sich das Unternehmen versteht.
Gruppenarbeit ist auch eines der Elemente des großen Mitarbeiterprogramms „rose 2000“, das Peter Rösler für sein Unternehmen initiiert und zusammen mit der Belegschaft umgesetzt hat. Weitere Bestandteile dieses Modells sind eine flexible Arbeitszeit, Gewinnbeteiligung, Mitarbeiterbefragung und –beurteilung sowie das so genannte Krankenrückkehrgespräch. Auch das Fitness Center für Manager und Mitarbeiter betrachtet Rösler als einen Baustein der Unternehmensphilosophie „rose 2000“. Mit diesem umfassenden Programm sollen Freiräume geboten, Anreize geschaffen, die Motivation der Mitarbeiter gefördert und die Effizienz des Unternehmens gesteigert werden.
Geistige Offenheit
Voraussetzung für eine solche Art von Unternehmensführung und –organisation ist nach Ansicht des inzwischen 59 Jahre alten Peter Rösler eine „geistige Offenheit“, die ihn in die Lage versetze, die Dinge immer wieder aus neuer Perspektive zu betrachten und gegebenenfalls auch infrage zu stellen.
Diese „mentale Freiheit“ versuche er auch bei seinen Mitarbeitern zu fördern, sagt Rösler. Deshalb investiere sein Haus überproportional in Schulung und Weiterqualifizierung. Etwa fünf Tage pro Jahr befänden sich die Mitarbeiter – „unsere wichtigste Ressource“ – in Schulungen. Dass das alles nicht selbstverständlich, sondern außergewöhnlich und bemerkenswert ist, zeigen die Preise, die das Unternehmen bekommen hat. Mit dem hoch angesehenen „Best Factory Award“ wurden 1999 das umfassende System der Mitarbeiterführung bei rose plastic, die Marktnischenpolitik, die Leistungen auf dem Gebiet der Produktentwicklung und die Ausrichtung auf globale Märkte gewürdigt. Unter Bayerns „Best 50“ war rose plastic bereits zwei Mal vertreten. Auch der „World Star“, die höchste Auszeichnung der Verpackungsbranche, steht auf der Liste der Ehrungen.
2002 gab es die besonders begehrte Auszeichnung „Arbeitgeber der Jahres“. In der Begründung der Jury heißt es: „Statt von einer tradierten Industriekultur ist rose plastic geprägt von einer lebenden Führungskultur, in der das Bild vom Mitarbeiter ganz im Zeichen des Vertrauens steht. „Leben lassen“ wird bei den Verpackungsprofis groß geschrieben. Freiräume spielen eine wesentliche Rolle.“



